In unserem letzten Blog berichteten wir von einem Projekt mit Mirko Hoff und Equal Access in Westafrika, das sich dem Kampf gegen Stigmatisierung widmet. Filippo Buzzini unterstütze dieses Projekt visuell. Wir haben ihn zu seinen Erfahrungen befragt.

Filippo, was war für Dich die größte Herausforderung, bei Veranstaltungen remote zu arbeiten?

Man steht vor vielen Herausforderungen. Es klingt selbstverständlich, aber die erste große Herausforderung sind die Basics: gibt es eine stabile Internetverbindung? Funktionieren die Kameras und Mikrofone? Hier kann man sich als Visualisierender um die eigene Technik kümmern, es ist aber unabdingbar, dass auch alles bei den Teilnehmenden funktioniert. Läuft die Technik nicht rund, erschwert dies meine Arbeit, da ich genau zuhören muss, um Inhalte visuell wiedergeben zu können. Ertönt auf der anderen Seite nur eine unklare, gebrochene Stimme, wird meine Aufgabe sofort viel aufwendiger und manchmal sogar unmöglich. Die technische Vorbereitung auf allen Seiten ist hier das A und O. Die Umstellung war aber, das Graphic Recording nun in klein und digital anstatt auf einer großen Fläche abzubilden. Und so musste ich gefühlt von vorn anfangen. Welche Stifte, Farben und Größen benutze ich, was ist deren ideale Kombination und wie wechsle ich schnell zwischen den einzelnen Stiften?

Wie bereitest Du dich auf solche Veranstaltungen vor?

Bezüglich der technischen Vorbereitung habe ich gemerkt, dass es mir hilft, wenn ich Templates mit Titeln, möglichen Untertiteln, Kund*innelogos sowie Grundelementen und Visuals vorbereite. Dies ermöglicht mir, mit dem Tempo der Veranstaltung mithalten zu können, mich auf den Inhalt zu konzentrieren und rechtzeitig ein gut strukturiertes Ergebnis abliefern zu können.

Inhaltlich ist es hilfreich, mit den Kund*innen zu besprechen, was das erwünschte Ziel der Zusammenarbeit ist, um das Recording entsprechend vorzubereiten. Ich bin der Meinung, je mehr Informationen ich über ein Projekt, seinen Kontext und seine Ziele habe, umso besser wird auch das Resultat.

Speziell für dieses Projekt handelte es sich um ein sehr sensibles Thema: die Diskriminierung und Stigmatisierung der ethnischen Gruppe der Kanouri in Nord-Kamerun in Verbindung mit der extremistischen Sekte Boko Haram. Der Kontext war äußerst komplex und mir bis zu diesem Zeitpunkt fremd. Mir war es wichtig, mich nicht nur auf den spezifischen Inhalt des Workshops zu konzentrieren, sondern mir auch ein besseres Bild der Umstände zu machen. Diesen Wunsch habe ich mit Equal Access geteilt, die mich mit Informationen über die Lage der Kanouri, deren Herausforderungen wie der Stigmatisierung und auch den Anstieg der Präsenz von Boko Haram versorgt haben. Um mir aber ein komplettes Bild machen zu können, habe ich mich auch über die Kanouri als ethnische Gruppe, deren geografische Aufteilung, Tradition, Religion und Gewohnheiten informiert. Das hat mir sehr gut geholfen, den Kontext und die Herausforderungen dieses Projekts besser zu verstehen.

Welchen Mehrwert siehst du darin, wenn Remote-Veranstaltungen durch eine*n Scribe begleitet werden?

Bei Remote-Veranstaltungen gibt es ähnliche Vorteile wie bei Präsenz-Veranstaltungen: eine Übersicht des Gesamtprojekts, ein greifbares Resultat am Ende der Veranstaltung, ein verbessertes Verständnis des Inhalts und Inspiration und Motivation zur Weiterführung der Projekte zu schaffen. Beim Remote-Arbeiten ergeben sich noch ein paar weitere Vorteile: die geografische Distanz und die logistischen Schwierigkeiten eines Auslandsaufenthaltes verschwinden. Ich konnte von meinem Bürotisch in der Schweiz live bei einem Projekt in der Sahel-Region mitzeichnen. Außerdem bringt ein Scribe bei Online-Veranstaltungen auch ein kreatives und lustiges Unterhaltungsmoment in Situationen, in denen es schwieriger ist, für lange Zeit konzentriert zu bleiben.

In diesem Projekt ging es um die Zeichnung der Protagonist*innen, deren Wertegrundlagen und der fiktiven Dörfer mit dem Ziel, Menschen für die Stigmatisierung der Kanouri zu sensibilisieren. Als ich am Ende eines Workshoptages meine Zeichnungen mit den Teilnehmenden geteilt habe, war das Feedback der Autor*innen extrem positiv und sie sagten Dinge wie „ich habe mir die Rolle des Moussa genauso vorgestellt, wie du ihn gezeichnet hast. Jetzt kann ich ihn wirklich sehen!“ oder „Können wir unsere nächsten Schritte auch mithilfe von Zeichnungen machen? Das hat uns wirklich geholfen!“

Du hast erzählt, dass es sich hier um ein sensibles Thema handelte, bei dem Du aufpassen musstest, die verschiedenen Charaktere nicht zu überspitzt oder stigmatisiert zu zeichnen. Was sind deine wichtigsten Erfahrungen?

Ich habe sehr viel in kurzer Zeit über ein sehr spannendes Thema gelernt. Die Diskriminierung und Stigmatisierung der Kanouri (und anderer ethnischer Minderheiten), sowie die wichtige Arbeit von Equal Access war mir vorher unbekannt. Ich fühle mich immer demütig, wenn ich mit Held*innen für Menschenrechte zusammenarbeiten darf und es ist mir eine große Ehre, wenn ich mit meinen Visuals einen kleinen Beitrag zur Unterstützung ihres Einsatzes leisten kann.

Man darf nie vergessen, dass in unseren Stiften viel Kraft steckt, die wir mit Verantwortung nutzen sollten. Was wir zeichnen hat eine große Wirkung auf die Zielgruppe und muss sich dementsprechend anpassen.

Als weisser, männlicher, europäischer Visualisierender wurde ich beauftragt, Dörfer und Menschen aus Nordkamerun zu zeichnen. Wie oben erwähnt, waren dieser Kontext und diese Realität für mich fremd. In meiner ‘visuellen Bibliothek’ (alles was ich vorher gezeichnet habe), gab es keine Vorlagen für zum Beispiel unterschiedliche Kleidung und Gesichter nordkamerunischer Männer und Frauen. Außerdem musste ich auch die Kanouri von anderen ethnischen Gruppen mit Hilfe weniger Striche visuell abgrenzen. Und das für ein lokales Zielpublikum, das diese Unterschiede kennt. Bei den Gesichtern war es ähnlich: meine herkömmlichen Zeichnungen sind irgendwie „Cartoon-mäßig“, wie kann ich also zentralafrikanische Menschen zeichnen, ohne das Risiko, in kolonial-rassistische Stereotypen zu fallen? Können meine Zeichnungen als beleidigend wahrgenommen werden? Dabei hat mich besonders herausgefordert, dass ich immer bis zum Ende des Tages warten musste, um zu wissen, ob meine Visualisierungen passend sind oder ob ich bei einem Projekt gegen Stigmatisierung, die Protagonist*innen wegen mangelnder Kenntnisse selbst stigmatisiere. Zum Glück war das nicht der Fall. Hätte es in dieser Hinsicht Überarbeitungswünsche gegeben, wäre die kommunikative Basis dafür jedenfalls da gewesen. Als die Teilnehmenden über das Lieblingsessen der Protagonist*innen gesprochen haben, befand ich mich ebenfalls in der Position des „Unwissenden“. Einfach, weil ich fast alle Begriffe nicht kannte. Dank Nachfragen und Internet habe ich aber gelernt, dass „Gombo“ Okra, und „Boubou“ ein langes, farbiges und lockeres Kleid ist.
Am wichtigsten fand ich das Feedback aus der Gruppe und die Bestätigung, dass meine Arbeit ihren Prozess wesentlich unterstützt hat. Es hat ihnen Motivation und Inspiration gegeben, um das Projekt weiterzuführen und meine Bilder werden ein Bestandteil des Projekts, sowohl intern für die Weiterentwicklung des Storyboards als auch extern als Kommunikationsmittel (durch Poster und Printouts) für ein breiteres Publikum.

Herzlichen Dank an bikablo und Equal Access für das Vertrauen und für die Gelegenheit, an so einem schönen und wichtigen Projekt mitmachen zu können!

Herzlichen Dank an Filippo Buzzini für diesen Einblick in das Projekt. Für uns war es erneut ein Anlass, uns darüber auszutauschen, wie wichtig eine gute Kommunikationsbasis und eine reflektierte Haltung bei sensiblen Themen ist – insbesondere, wenn man für andere Menschen Bilder erzeugt, die Denken und Handeln beeinflussen.
Unsere Zusammenarbeit haben wir auch genutzt, um Chrystelle Kouakou und Katiella Gasso Gaptia, die vor Ort für das Projekt arbeiten in unser bikablo Global Trainer Programm aufzunehmen. Bei den letzten globalen Trainierendentagen vom 7.-11. September 2020 hatten die beiden die Gelegenheit, bikablo-Luft zu schnuppern und sich Visualisierung 
anzueignen, um diese dann in ihrer täglichen Arbeit anwenden zu können. Wie dieser gemeinsame Weg weiterverläuft, werden wir euch berichten!


Filippo Buzzini ist Gründer von „Sketchy Solutions“. Er unterstützt seine Kund*innen durch visuelles Denken und visuelle Kommunikation und bildet somit das Wesentliche von Veranstaltungen, Konferenzen und Projekten ab. Seit der Konferenz EuViz 2018 ist er ein guter Freund und Weggefährte für uns geworden.