Was haben Graphic Novels und Graphic Recording gemeinsam? Dieser Frage stellten sich Martin Haussmann und Birgit Jansen von bikablo im Gespräch mit dem Underground-Comiczeichner Oliver Scheibler am 22. November beim Comicfestival im Literaturhaus Köln.

„Comics haben die visuelle Sprache, wie wir sie heute kennen und nutzen, wesentlich mitgeprägt“, meinte Martin, „und als Graphic Recorder nutzen wir diesen kulturellen Schatz ausgiebig, um das Wissen, das auf Konferenzen entsteht, schnell und verständlich festzuhalten. Wir arbeiten wie Comics mit den drei Grundelementen der visuellen Sprache: Text, um Information eindeutig zu übermitteln, Abbildungen, um dieses Wissen lebendig und anschlussfähig zu machen, und grafische Elemente, um beides orientierungsvoll auf der Fläche zu strukturieren. Die spezifischen visuellen Vokabeln der Comic-Bildsprache wie Effektlinien oder Sprechblasen gehören zu den wichtigsten Bestandteilen der bikablo-Technik.“

Oliver Scheibler arbeitet mit den gleichen Mitteln – aber in einem anderen Schaffensprozess und mit einem anderen Ergebnis: In monatelangen Gesprächen entwarf er ein „Wimmelbild“ zur Dokumentation der Umweltschutzaktionen im Hambacher Forst. Sechs Wochen dauerte dann die Umsetzung als kleinteilige Tuschezeichnung.

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Über jedes auch noch so kleine Detail konnte Oliver ganze Geschichten erzählen: „Der Maulwurf am unteren Bildrand stellt einen Aktivisten dar, der sich unter dem Waldboden in ein Höhlensystem eingegraben hatte, um den Einsatz von schwerem Räumungsgerät der Polizei zu verhindern. Tagelang führte er die speziell ausgebildeten Einsatzkräfte, die ihn finden wollten, mit der Erkennungsmelodie des Videospiels „Tetris“ in die Irre.“

„Widersprechen sich eure Ansätze – oder gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede?“, fragte Moderator Tilman Strasser schließlich. Unser Fazit: Auch wenn beide Seiten dieselbe visuelle Sprache „sprechen“, unterscheiden sich Intention, Prozess und Ergebnis stark voneinander: Wir müssen meist sehr schnell arbeiten, Oliver kann sich Zeit nehmen. Die Recordings von bikablo müssen möglichst selbst-verständlich sein, die Bilder des Comickünstlers dürfen geheimnisvoll und mehrdeutig wirken. bikablo arbeitet im Dienste von Kundenprozessen, Oliver ist als Bildautor letztendlich frei in der Wahl seiner Mittel und Aussagen. Doch trotz aller Unterschiede fühlten wir uns als „Kontrahenten“ auf dem Podium schlussendlich gleichermaßen von der jeweils anderen Seite inspiriert.

Birgit setzte Stichworte des Gesprächs auf dem iPad als Graphic Recording um und machte damit zum Abschluss der Veranstaltung sichtbar, wie sich unsere unterschiedlichen Perspektiven schließlich zu gemeinsamen Erkenntnissen zusammenfügten.

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Zu guter Letzt erlebte das Publikum im Literaturhaus noch eine weitere – und wiederum ganz andere – Form der visuellen Dokumentation: die beiden Comiczeichner Markus Rockstroh und Claus Daniel Herrmann stellten Blitzlichter des Abends als kleinformatige Skizzen aus.

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